Stärker als ein kräftiger Joint: Auto-Bildschirme vermindern Reaktionsvermögen – Das Interieur moderner Fahrzeuge erinnert mitunter eher an die Brücke eines Raumschiffs als an das Armaturenbrett eines Autos. Doch der Fortschritt hat auch seinen Preis: Experten zufolge gefährden die vielseitigen und immer größer werdenden Bildschirme die Sicherheit anderer Verkehrsteilnehmer.

Was wir derzeit erleben, kann als Evolutionsschritt in Richtung autonomes Fahren gedeutet werden. Denn wenn man das Auto gar nicht mehr selber steuern muss, wird man zum Passagier. Und ein Passagier will seine Zeit nutzen, um sich zu informieren oder zu amüsieren. Noch haben Autos aber Lenkräder, die bedient werden wollen, weshalb die zunehmende Ablenkung durch immer mehr blinkende Screens ein Problem darstellt.

Das behauptet zumindest die „AAA Foundation for Traffic Safety“, eine gemeinnützige Organisation aus dem amerikanischen Washington.

Die hat im Rahmen einer aktuellen Untersuchung nämlich festgestellt, dass die Änderung eines Fahrziels im Navi ganze 40 Sekunden Aufmerksamkeit des Fahrers in Anspruch nimmt. Bei einer Geschwindigkeit von 50 km/h entspricht das einer Strecke von 750 Metern, die man zurücklegt, ohne nötigenfalls noch reagieren zu können.

Wählt man während der Fahrt Musik aus, wird die Reaktionszeit sogar noch stärker reduziert – und zwar so heftig, als habe man vorher einen ordentlichen Joint geraucht.

Jennifer Homendy, Vorsitzende des National Transportation Safety Board, setzt noch einen drauf:

„Heutige Infotainment-Systeme können genauso ablenkend sein – wenn nicht sogar noch mehr – wie persönliche elektronische Geräte.“

Man sollte zwar meinen, dass eingebaute Systeme weniger problematisch seien als der ohnehin nicht erlaubte Blick auf das Handy. Allerdings nutzen Autofahrer Infotainment-Systeme deutlich häufiger und dazu auch noch vergleichsweise sorglos, und navigieren dabei durch immer verschachteltere Menüs mit immer mehr Funktionen.

Entsprechende Unfallzahlen können jedoch nur geschätzt werden, da hinsichtlich der Strafbarkeit kaum einer zugeben würde, vor dem Unfall einen neuen Song ausgesucht zu haben.

Natürlich könnte man diesem Problem vorbeugen, indem man möglichst einfache Systeme verbaut, doch die jüngere Generation legt zunehmend Wert auf elektrisches und digitales Infotainment. Eine entsprechende Ausstattung kann also kaufentscheidend sein.

Derartige Alleinstellungsmerkmale, die ein jeder Hersteller über eigene Benutzeroberflächen für sich in Anspruch nimmt, verwirren und überfordern jedoch auch, wie User Experience Designer Cliff Kuang weiß:

„Sie versuchen alle, ihre eigenen Welten zu definieren. Je komplexer Infotainment-Systeme werden, desto weniger verstehen sie die Menschen.“

Wusste man bei klassischen Cockpits, auch ohne den Blick von der Straße zu wenden, welcher Knopf wo war und was machte, erfordern Touchscreens deutlich mehr Aufmerksamkeit und Blickkontrolle, da diese keinerlei haptisches Feedback vermitteln.

Hinsichtlich sicherheitstechnischer Bedenken liegt es von daher nahe, entsprechende Standards verbindlich zu machen. So sieht die Empfehlung der US-Experten zum Beispiel vor, dass keine Aktion mehr als zwei Sekunden in Anspruch nehmen darf.

Allerdings wären komplexe Bedienungen dann wohl nicht mehr so ohne weiteres umsetzbar.

Quelle: stern.de