So wie es in fast jeder Fantasy-Saga legendäre Klingen gibt, die so einzigartig sind, dass sie sogar Namen tragen, ist auch die weitverzweigte Geschichte des Kraftfahrzeugs reich an denkwürdigen Artefakten automobiler Ingenieurskunst. Viele dieser Klassiker befinden sich dank leidenschaftlicher Sammler und Bastler dieser Tage fast schon in einem besseren Zustand als zum Zeitpunkt ihre Fertigung, allerdings bedeutet „Oldtimer“ per Definition ja auch „nur“ über 30 Jahre alt. Der Wagen, den wir euch heute vorstellen wollen, hat derer hingegen bereits ganze 114 auf den Kolben!

Um die Jahrhundertwende waren die europäischen Autobauer auf Rekordjagd. Während für die Helden des Rennsportes vor allem Rundenzeiten zählten, war für die Autobauer alleine schon aus Prestigegründen der Landgeschwindigkeitsrekord – die höchste Geschwindigkeit, die ein Fahrzeug bestimmter Bauart auf ebener Erde weltweit zu einem bestimmten Zeitpunkt erreicht – nicht minder wichtig.

Einer dieser Autobauer war ein Franzose namens Pierre Alexandre Darracq, der sich 1904 dank der Leistungen seines Ingenieurs Paul Ribeyrolles und des Werksfahrers Paul Baras den Rekord mit einer Geschwindigkeit von 104,52 km/h sichern konnte und damit genau 1 km/h schneller war, als Louis Rigolly mit seinem alkoholbetriebenen Gobron-Brillié erst wenige Monate zuvor.

Dieser Erfolg war dem geschäftstüchtigen Franzosen aber nicht genug…

…und sein querdenkender Ingenieur wurde beauftragt, einen noch mächtigeren Wagen zu bauen, der in der Lage war, den hauseigenen Rekord zu brechen. Ribeyrolles schnappte sich dazu kurzerhand zwei der Vierzylinder-Motorblöcke seines Unternehmens und montierte sie zueinander im 90 Grad-Winkel auf einem neuen Kurbelgehäuse. Heraus kam ein V8 mit Zweigang-Getriebe, der in der Lage war, 200 PS aus seinem 22,5 Litern Hubraum zu ziehen. Ikonische Merkmale waren der V-förmige Kühler an der Vorderseite des Motors, ein Kraftstofftank über dem Triebwerk und der eklatante Mangel an Karosserie.

Der seinerzeit mit Abstand leistungsstärkste Rennwagen der Welt verließ das Darracq-Werk in Paris kurz nach Weihnachten 1905 und setzte mit Victor Hémery am Steuer auf der Straße Arles-Salon in Südfrankreich kurz darauf die neue Marke von 176.46 km/h. Nachdem Hémery 1906 wegen seines schlechten Verhaltens von den Offiziellen des Daytona-Ormond Speed Trials disqualifiziert wurde, durfte ein gewisser Louis Chevrolet ans Steuer – der sich später in der Industrie noch einen Namen machen sollte – und jagte den Darracq auf 185,55 Kilometer pro Stunde.

Dank Hémerys Mechaniker, Victor Demogeot, erreichte der Darracq schließlich sogar die magische 200-km/h-Marke.

In den Folgejahren ging der Wagen in den Besitz von Algernon Lee Guinness über, einem Spross der berühmten Brauereidynastie und begeisterten Rennfahrer. Der zunehmend ramponierte Wagen wurde nach Guinness' Tod 1954 von einem gewissen Gerald Firkins gekauft, der über 50 Jahre hinweg Teile zusammensammelte, um den Wagen zu restaurieren. 2006 trat der den Darracq aus gesundheitlichen Gründen an Mark Waller ab, der sich ebenfalls dem Vorhaben widmete, den historischen Rekordwagen in seine ursprüngliche Form zurückzuversetzen.

Leider war der vom Vorbesitzer geleistete Wiederaufbau in vielerlei Hinsicht nicht akkurat gewesen, weshalb sich Mark moderner Computersoftware bediente, um die alte Dame auf Basis historischer Fotos so authentisch wie nur irgend möglich wieder herzurichten. Und das ist ihm fraglos mit Bravour gelungen, wie das folgende Video anschaulich demonstriert.

Quelle: theoldmotor.com